Einrede zu Professor Armin Nassehis Buch „Gab es 1968? Eine Spurensuche“

Im Dialog: Prof. Armin Nassehi im Gespräch mit Michael Hirz am 19.01.2018
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„Wer sich an „1968“ erinnert, kann zweierlei in den Blick bekommen: zum einen die kurze sichtbare Phase eines explizit linken, kaum mit der politischen Ordnung der Bundesrepublik kompatiblen Protests, der tatsächlich organisatorisch schnell in sich zusammenfiel; zum anderen eine implizit linke Veränderung in der Gesellschaft, die die deutsche Gesellschaft bis heute prägt und das wirksame Erbe der Generationslage „1968“ darstellt.“

Andererseits bietet sich an, zu schreiben, wer sich an 1968 erinnert, kann nicht dabeigewesen sein, Armin Nassehi *1960 war es bestimmt nicht, angesichts dessen, was an damaligen Entwicklungen. Auf- und Abbrüchen in neue globale Großwetterlagen ausgeblendet bleibt.

1966 hatte sich Frankreich mit De Gaulle entschieden, der NATO ihren Hauptsitz in Fontainebleau bei Paris zu entziehen, nach Brüssel umzuziehen, aus Furcht und Sorge, Frankreich könnte durch die USA über die NATO erneut in den von Frankreich eingestellten Indochinakrieg, der nun Vietnamkrieg hieß, erneut hineingezogen werden. Frankreich blieb mit seiner Sicherheitspolitik des Leeren Stuhl in NATO Führungsgremien der NATO assoziert.

Gleichzeitig entschied De Gaulle, in Wahrnehmung horrender Verschuldung der USA durch den Vietnamkrieg, französische Goldreserven in Fort Knox/USA, nach Frankreich zu holen. Damit war dem flotierenden Anti-Kommunismus mehr als ein Zacken aus der Krone gebrochen. De Gaulle sah im militärisch-industriellen US-Komplex den größeren Gefahrenherd für Europa als jene Gefahren, die in Moskau schlummern könnten.

Allein das wurde in Osteuropa als Beginn einer Maienzeit europäischer Sicherheitspolitik neu gedacht kollektiver Sicherheitssysteme mit oder ohne Warschauer Vertrag, NATO interpretiert. in Budapest, Bukarest, Belgrad, Prag, Warschau erhofft, von der SED Nomenklatur in Ostberlin gefürchtet. Im Jahreswechsel 1967/68 begann das zarte Pflänzchen, 1966 in Paris von De Gaulle gesät, der „Prager Frühling“ zu wachsen und zu gedeihen.

Doch statt nun systemimmanenten Kräften des Wandels freien Lauf zu lassen, Raum zu schaffen, geschah bei gutem Willen heranwachsender Jugend in Europa, Ost und West, USA, UdSSR, Japan, China genau das Gegenteil, das Establishment in Ost und West instrumentalisierte den Elan der 68er Studentenbewegung, den Anti-Vietnamkrieg Protest, den panisch angekündigten Rücktritt Präsident De Gaulles 1968, verlautbart im Baden-Badener Exil, angesichts Pariser Studenten Rebellion mit Daniel Cohn-Bendit als Bannerträger an der Spitze, drohendem Generalstreik, als willkommen systemrelevante Gelegenheit, die Maienzeit der Ideen eines neuen kollektiven Sicherheitssystems, mit und ohne Warschauer Vertrag, NATO, unterlegt mit vom gemeinsam erklärten Willen atomarer Abrüstung, gemäß Atomsperrvertrag 1968, sieben Jahre eskaliert nach Kambodscha ausgeweitet fortlaufenden Vietnamkrieg bis zum KSZE- PROZESS Helsinki 1975 ad acta gelegt, vertagt, im Sande verlaufen zu lassen.

Zunächst ungestört in Westdeutschland im Durchmarsch entgegen anfänglichen Bedenken der Kraftwerkbauer, angesichts unleugbarer  Risiken, Folgekosten, ab 1974 mit Subventionen bis heute 200 Milliarden €, forciert vom Atomkanzler Helmut Schmidt SPD die atomare Aufrüstung unter dem weltweit ausgebauten Schild und Schirm ziviler Nutzung der Atomenergie als angebliches Nonplusultra blockübergreifender Weltenergiepolitik bis zum Beinah GAU Three Miles Island/USA 1978 voranzutreiben, dem dann, entgegen auf- und abschwellender Anti-AKW Bewegungen, der GAU in Tschernobyl/UdSSR, heute Ukraine, 1986, der dreifache GAU im AKW Komplex Fukushima/Japan 2011 folgte.

Auf dieser Folie erscheint mir die von Professor Armin Nassehi *1960 beschrieben implizit linke Veränderung in der Gesellschaft, die die deutsche Gesellschaft bis heute prägt und das wirksame Erbe der Generationslage „1968“ darstellt, als ins Ungefähre leer geschossene Hülse, ohne auch nur ansatzweise den identitätsstiftenden Gründungsmythos des Holocaust, Millionen Zwangsarbeiter 1939-1945 aufgrund europaweit williger Vollstrecker administrierender NS-Willkür für die EU, Israel/Naher Osten wahrzunehmen.

Von der Entwicklung neuer Ansätze einer Weltökonomie weg von asymmetrischen Verhältnissen der Ausbeutung der einen Region durch andere Regionen hin zu Verhältnissen wirtschaftlichen Ausgleichs, global wirksame Mechanismen unbürokratischer Entschädigung im Schadensfall planerischer Intelligenz in Kombination mit weltweiten Verflechtungen und wachsenden Interdependenzketten, wie Nassehi in anderem Zusammenhang schreibt, also zu einem Trend dahin, dass sich Eindeutigkeiten auflösen und es stets so etwas wie eine zweite Version einer möglichen Interpretation gibt, z. B. treuhänderische Versetzung von Geflüchteten inner-, außerhalb ihrer Heimatländer, gegenwärtig 70 Millionen Personen, aufgrund von Krisen, Kriegen in den vorherigen Vermögens- , Bildungs- , Berufsstand bis sie diesen wirklich erreicht haben.
,

-Jene durch Naturkatastrophen, Klimawandel Geflüchteten, zwangsweise entschädigungslos Umgesiedelten nicht gerechnet, –

Warum schreibt Nassehi von so genannter Rassentrennung in den USA, wenn es denn doch bei Rassentrennung selbst bei der Registrierung für Zugang zu Wahlurnen bis heute blieb?, u. a. dadurch, dass in privaten, staatlichen US-Haftanstalten überwiegend Schwarze einsitzen, denen nach Haftentlassung wg. des Status „vorbestraft“ und sei es wg. Bagatelldelikten millionenfach das Wahlrecht entzogen ist

Nassehi schreibt: „Die Akademisierung der sozialen Arbeit ist Ausdruck der Politisierung von Inklusionsschüben zu Inklusionsstrategien, die gleichzeitig mit der Individualisierung von Lebenslagen korrelierte“

Nach seinem eigenem Verständnis lässt das eine zweite Version einer möglicher Interpretation zu, nämlich genau das Gegenteil, mit der Akademisierung sozialer, pädagogischer Berufe, ging eine vereinnahmende Entpolitisierung im Umgang mit gesellschaftspolitischen Problemgedrängen, Konfliktgemengelagen vonstatten, Kampagnenmacht zu paralysieren. Das hat in Deutschland, angesichts, anders als in vielen Ländern Europas, fehlend politischen Streikrechts ein lähmendes Gewicht bei Angelegenheiten des Öffentlichen.

Ein sogenanntes Recht auf persönlichen Widerstand, angelehnt an das Fehdewesen im Mittelalter bis zu dessen Abschaffung 1495, im Grundgesetz 1949 verankert, kann das fehlende politische Streikrecht in Deutschland auf dem Weg der Kompalität rechtlicher Verhältnisse in Europa, nicht ersetzen-

Wenn Nassehi schreibt: „Damit war womöglich die Protestgeneration der 1960er Jahre selbst ein Produkt der Folgenlosigkeit von Massenprotest im Wohlfahrts­staat bei gleichzeitiger Anerkennung seiner politisierbaren und erreichbaren Ziele.“

So ist da sicher etwas dran, ausgeblendet bleibt bei aller praktiziert repressiven Toleranz des Wohlfahrtstaates, wie diese Herbert Marcuse definiert, die Spaltungstendenz sozialer Bewegungen durch staatlich selektive Tepression, Aufrüstung des administrativ-forensischen Sicherheitskomplex, der geduldeten und systemrelevant nicht geduldeten Protest unterscheidet.

Nassehi: „Und es ist implizit links, weil es für die Verfolgung solcher Politik keiner explizit linken Semantik und Programmatik bedarf“

Nasseh meint die angebliche Politisierung der Inklusion. Angesichts völkischer bzw. klassenkämpferischer Variante der Inklusion in faschistischer und real-existierend sozialistischer Zeit in Europa, Asien, unter diskriminierenden Ausschluss ganzer Teile eigener Bevölkerung, n. m. E. eine historisch kaum nachvollziehbare These

Nassehi: „Dass die Inklusionsschübe nach dem Zweiten Weltkrieg schlicht eine normative Kraft des Fak­tischen erzeugt haben, lässt sich wohl kaum bestreiten. Es war zugleich Ursache, aber auch Effekt jener Inklusionsschübe, die die Generationslage der 68er ausgemacht haben.“

Hier geht mir der Begriff 68er, bei Nasseh operativ angewendet, zu sehr ins Ungefähre, Unbestimmte des Allgemeinen. Denn es waren auf lange, sehr ange Zeit andere, nicht die 68er, Ost wie West, es waren ihre konservativ orientierten Altersgenossen etablierter Parteien, Gewerkschaften. Kirchen, Militär, Medien, die obskuren Objekte staatlicher Begierde, ihnen Inklusion teilhaftig werden zu lassen, die wirklichen 68er wurden mit Berufsverboten, Karrierebrüchen, Parteiausschlüssen, Strafverfolgung, drohendem und vollzogenem Psychiatrieren ihrer politischen Tendenzen belegt. Davon schreibt Nassehi nichts,

Nassehi: “ Vielleicht wird vor diesem Hintergrund deutlich, wie doppelt merkwürdig und geradezu paradox es erscheint, wenn ein Derzeitiges Selbstbewusstsein konservativer Politiker sich darin ausdrücken will, „1968“ endlich hinter sich zu lassen und loszuwerden.“

 

Hier meint Nassehi wohl AfD Politiker wie Jörg Meuthen, *1961, Alexander Gaulandt, *1941, vom Philosophen Rüdiger Safranski, *1945, als ehrenwert aufrichtiger Mann gepriesen, assistiert, Beatrix von Storch,*1971, Alice Weidel, *1979, die vollmündig das Ende linksgrünversiffter 68er Politik in Deutschland, Europa verkünden,. weil sie außer schrillen Sprechblasen ansonsten nichts zu bieten haben, an dem sie sich gesellschaftspolitisch, in Abgrenzung zur CDU/CSU/FDP, und ihre Anhänger aufrichten könnten, verlorene Schlachten in Echokammern neu zu inszenieren zu wollen. Dabei vergessen sie, wer sich in die 68er Jahre zurück gebeamt, verfällt allzu leicht auf seine schon damals verlorenen Positionen zurück und landet endgültig selber da, wo die AfD die Linksgrünversifften haben will, auf der Müllkippe der Geschichte.

Nassehi: „Diejenigen, die die Sozialdemokratisierung der CDU beklagen, haben völlig recht: Die Inklusionsschübe gesellschaftsstruktureller Natur haben vor niemandem haltgemacht, auch vor ihnen nicht. Das ist das implizit Linke, das mit dem explizit Linken wenig zu tun hat.“

Ich würde weniger als Professor Armin Nassehi von Sozialdemokratisierung der CDU schreiben, sondern davon, dass die Ost CDU als Teil Nationaler DDR Front mit ihrer vom Demokratischen Aufbruch zugelaufene „Ikone“ Angela Merkel als kleinst denkbar gemeinsamer Nenner in gesamtdeutscher Wossi CDU angekommen, mit ihrer asymmetrischen Demobislierungs Attitüde Parteifreunden wie politischen Gehnern gegenüber das Atmosphärische in der CDU/CSU unserer Tage nicht nur in Sachen Inklusion bestimmt.

Nassehi: „War „1968“ eine linke Bewegung? Ja, das war sie, aber anders als gedacht. Die ortlosen Utopien eines radikalen Gesellschaftsumbaus sind semantische Ikonen. Der Sound von Rudi Dutschke und die eschatologische Selbstermächtigung des harten Kerns sind das Ergebnis eines Freiheitsschubes, einer Möglichkeit der Abweichungsverstärkung. Sie sind nicht selbst der Schub und auch nicht die entscheidende Abweichung“

Auch hier bietet sich, Nassehi zitierend, eine andere Version der Deutung an, es war die gesellschaftlich-familiare Auswilderung heranwachsender 68er hüben und drüben in Wiederaufbau- , Wirtschaftswunderzeiten durch ihre Väter, Mütter, Lehrer, Lehrherrn, Trainer, Pastoren, Dozenten in einer erklärtermaßen vaterlandslosen Gesellschaft der Unfähigkeit über eigene Verluste, eigene Schuld in dunkler Zeit in unwirtlichen Trümmerlandschaften, Städten, Dörfern, Fabriken, Schmerz zu empfinden, zu trauern (Margarete, Alexander Mitscherlich gleichnamiges Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ 1968), gesellschaftlich kastriert, die Politik deutscher, europäischer Teilung, Ost- und Westbindung ungestört den Großvätern, Walter Ulbricht, Konrad Adenauer und Anhang Multitude zu überlassen.

Von Duldungsstarre hier, autoritärer Zucht und Ordnung da, umzingelt, machten sich Teile der 68er frühzeitig auf in Sturm und Drang ihrer Triebe, entgegen allen Seitenhieben, Gefühle, Sinnen und Trachten nach Autonomie, in Wellen, Schüben das Vakuum zu füllen, das real und emotional abwesende Väter, Mütter nach 1945 hinterlassen hatten, diesen Prozess als Gründungsmythos ihrer selbst der 68er Generationshorde bis heute zu recht, aus mucksmäuschenstiller Not geboren, heute als „Tiger Tugend“ des „Rasenden Histomat „Politik Sportreporter“ Rudi Dutschke mit Karl Marx Elan und Friedrich Engels Zungen umgedeutet, !“, wahrzunehmen gemeinsames Gedenken zu zelebrieren.

„Politik Sportreporter“ Rudi Dutschke: Flanke aus der Tiefe des Raumes von Morlock, Raunen im gespannten Publikum, Rahn müsste schießen, Rahn schießt. Aber liebe Brüder, Schwestern, Genossen, was heißt hier Rahn schießt, Histomat Flanke von Friedrich Engels, Karl Marx müsste schießen, Marx schießt, “ Tooooorrrr!, Tooooorrrr!, Tooorrrrr!, der Sozialismus hat gesiegt, der Kapitalismus verloren, der Sozialismus ist Weltmeister aller Klassen mit sportlich humanem Antlitz.

Zum Schluss lässt es sich Professor Armin Nassehi nicht nehmen, den Erzähl Modus zu verlassen, im eschatologisch anmutenden Rätsel eigener Position zum Narrativ expliziter Linken in Europa, der Welt zu entschwinden, wenn er schreibt:

„Es war das Ergebnis einer impliziten linken gesellschaftlichen Evolution, die erst die konsequenzfreie Rede von der explizit linken Revolution möglich gemacht hat. Deren Anfänge aber liegen nicht dort, wo üblicherweise gesucht wird“
JP
https://www.taz.de/Armin-Nassehis-Buch-Gab-es-1968/!5498427/
Armin Nassehis Buch „Gab es 1968?“
16. 4. 2018
ARMIN NASSEHI

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